(not translated)
Wann beginnt das neue Jahrtausend?
Alles eine Frage der Einstellung
Wie zu
Beginn der letzten beiden Jahrhunderte streiten sich auch diesmal wieder die
Experten, wann das neue Jahrhundert tatsächlich beginnt, am 1. Januar
2000 oder 2001. Wer das schon einmal miterlebt hat, mag sich vielleicht erinnern.
Die aktuelle Auseinandersetzung ist besonders heftig, weil es diesmal auch
um den Startschuß für ein neues Jahrtausend geht.
Goethe
und Schiller kloppten sich gegen 1800 Sprüche um die Ohren und meinten
am Ende, der 1. Januar 1801 sei der Beginn ihres Jahrhunderts. Beim letzten
Mal sorgte dann der Kaiser, Wilhelm II., für Klarheit und befahl dem
zwanzigsten Jahrhundert, am 1. Januar 1900 zu beginnen.
Schuld
an diesem zeitbewegenden Konflikt ist ein kleiner Abt der katholischen Kirche,
der im Jahre 525 einen fatalen Rechenfehler beging, mit dem er noch heute
durch jede Matheprüfung rasseln würde.
Dionysius
Exiguus hatte von Papst Johannes I. den Auftrag erhalten, herauszufinden,
an welchem Datum das nächste Osterfest sein würde. Es sollte auf
den Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond fallen. Für die damalige
Zeit, in der es nur ungenaue Kalender gab, war dies eine sehr schwierige Textaufgabe.
Der "kleine
Dennis", wie er heute hieße, mußte zu ihrer Lösung ersteinmal
einen Nullpunkt in der Zeit festlegen. Bis zu Dionysius hatte die Zeitrechnung
mit der Herrschaft des römischen Christenverfolgers Diokletian (29.08.284)
begonnen. Der Abt wollte sich aber an einem glaubensfreundlicheren Fixpunkt
in der Zeit orientieren und fand ihn in der Geburt Jesus Christus.
Als er
nun meinte, den Geburtstag im Jahr 754 nach Gründung Roms ausgemacht
zu haben, nannte er das Jahr danach "1 nach Christi Geburt", das
Jahr davor "1 vor Christi Geburt". Das klingt logisch, warf aber
in den folgenden rund 1.500 Jahren immer wieder Probleme auf - mathematische,
sprachliche und chronologische.
Das mathematische
Problem: Der 1. Januar nach Christi erhielt die Jahrszahl 01 , der 1. Januar
davor die -01. So lag plötzlich zwischen diesen beiden Punkten, -1 und
1, nur ein Jahr, obwohl schon jeder Grundschüler weiß, daß
1-1=0 ist. Bis zur -1 bräuchte man noch ein weiteres Jahr, insgesamt
also zwei. Demnach hätte Dionysius die Jahreszahl 00 einfügen müssen,
und erst der 1. Januar 02 hätte die Jahreszahl 01 tragen dürfen.
Entsprechend läge auch der 31. Dezember 1999 ein Jahr später.
Hier wird
deutlich, wie wichtig es ist, zwischen Zeitpunkten und Zeiträumen zu
unterscheiden. Dionysius hatte beides vermischt. Er definierte einen Nullpunkt,
benannte dann aber zwei Zeiträume (die vor und nach Christi Geburt).
Als er konkrete Daten (in diesem Zusammenhang sind das Zeitpunkte) bezeichnen
mußte, trickste er sich selbst aus. Leichtfertig vergab er die Jahreszahlen
01 sowie -01, und schon fehlte ihm rechnerisch ein Jahr.
Das sprachliche
Problem: Obwohl der Abt den Tag nach der Geburt Christi schon mit der Jahreszahl
01 bezeichnete, ist kaum anzunehmen, daß er glaubte, Jesus sei im Alter
von einem Jahr auf die Welt gekommen. Das wären der Wunder zu viele gewesen.
Also bezeichnete er mit der "01", dem ersten Jahr nach Christi Geburt,
den erst folgenden Zeitraum. Er gab also dem Jahr bereits einen Titel, bevor
es vollendet war. Wir machen das heute anders: Wenn jemand als 25 bezeichnet
wird, dann ist er nicht mehr in seinem 25. Lebensjahr, sondern schon im 26..
Wir definieren uns nach dem, was wir sind und nicht nach dem, was wir sein
werden.
Für
unsere Jahrgänge hat diese sprachliche Raffinesse ernsthafte Konsequenzen.
Wenn die Uhr am Silvesterabend 1999 zwölf schlägt, sind nicht 2.000
Jahre nach Christi Geburt abgelaufen, sondern es beginnt das 2.000. Jahr,
nachdem Maria ihr Kind bekam.
Das chronologische
Problem: Dionysius hatte eine Eigenart der Zeit nicht berücksichtigt,
die sie auch für die Mathematik schwer erfaßbar macht. Zeit dehnt
sich unseres Wissens nach nur in eine Richtung aus. Während im mathematischen
Koordinatensystem auf der X-Achse in beiden Richtungen von der Null weg die
0,1, beziehungsweise die -0,1, folgt, stünde auf einer korrekten Zeitleiste
nach der Null zwar eine 0,01 für den Januar, davor aber eine -1,12 für
den Dezember (dann -1,11 für den November usw.) . Wer einen künstlichen
Nullpunkt setzt, erhält keinen Ursprung, an dem die Zeit entsteht, sondern
nur einen Ort, an dem sie vorbeifließt. Als sich Dionysius im Geiste
an den Nullpunkt stellte und von diesem Blickpunkt aus den Jahren in beiden
Richtungen schon vor ihren Ablaufdaten die Jahreszahlen zuteilte, war das
falsch. Er hätte sich an den imaginären Ursprung der Zeit stellen
müssen. Wenn er von dort aus schauend die Jahreszahlen vergeben hätte,
bevor das jeweilige Jahr abgelaufen war, läge -01 ein Jahr früher
und das Jahr 00 vor dem Zeitpunkt Null. Hätte er die Zahlen von dort
blickend nach Jahresende vergeben, läge 01 ein Jahr später und 00
nach Null. Dionysius Fehler lag also unter anderem darin, sich nach bestem
Wissen und Gewissen mathematisch korrekt verhalten zu wollen, indem er sich
an den Nullpunkt stellte.
Wer die
mathematischen, sprachlichen und chronologischen Hürden schließlich
genommen hat, kann über die Streithähne im Konflikt um den Beginn
des Jahrtausends nur lachen. Es ist nämlich alles eine Frage der Einstellung.
Wer sich rückwärtsgewandt vom zweiten Jahrtausend verabschieden
oder vorausschauend das dritte begrüßen möchte, der muß
bis zum 31. Dezember 2000 warten. Wer aber einfach das Jetzt und den Beginn
des 2.000. Jahres unserer Zeitrechnung feiern will, der darf das schon Silvester
1999. Alle ganz Schlauen werden natürlich beides begießen.
Letztendlich
spielt der genaue Zeitpunkt keine Rolle, da wir nach modernsten Erkenntnissen
den Beginn des dritten Jahrtausends längst verschlafen haben. Historiker
gehen heute davon aus, daß Jesus schon vier bis sieben Jahre früher
als bisher angenommen, geboren wurde. Demnach wäre das zweite Jahrtausend
irgendwann zwischen 1994 und 1997 zu Ende gegangen, und keiner hätte
es gemerkt.
Wie beruhigend
muß das für all jene sein, die zur Jahrtausendwende immer noch
die biblische Apokalypse fürchten. Die kommt nicht mehr, sonst wäre
sie längst dagewesen.
Heiko
De Groot